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Oberstdorfer Passionsspiele wider Dekan Jäger

Der heftigste Gegner von Passionsspielen in Oberstdorf war der lokale Klerus. Die örtlichen Geistlichen wandten sich als "Spielverderber" immer wieder an die Obrigkeit und versuchten ein Verbot dieser Spiele zu bewirken. Dies gelang jedoch nur vorübergehend. Gründe waren einerseits, dass die Einheimischen im Umfeld dieser Spiele auch kräftig feierten und die sittlichen Zügel etwas schleifen ließen, andererseits fürchteten die Pfarrer, dass die Oberstdorfer den Sonntagsgottesdienst schwänzen und sich langsam, aber allmählich dem katholischen Einfluss entziehen und anderen Einflüssen zuwenden würden.

Doch das Verlangen der Bevölkerung nach solchen Spielen wurde immer mächtiger. Solche Passionsspiele boten offensichtlich die Möglichkeit, unter einem christlichen Deckmäntelchen über die Stränge zu schlagen und einige verdienten natürlich auch gut daran. Vielleicht sehnten sich die Menschen auch einfach nur nach Unterhaltung und Abwechslung von einem mühevollen und grauen Alltag. Die Passionsspiele sozusagen als Playstation des 18. Jahrhunderts.

Die Obrigkeit wiederum befreite sich im Gefolge der Schockwellen der französischen Revolution allmählich aus der politischen Umarmung durch den Klerus und hatte wohl nichts gegen diese Art der Volksbelustigung, soweit die polizeiliche Ordnung nicht in Frage gestellt wurde. So konnte die Bevölkerung Dampf ablassen, ohne dass politische Konsequenzen zu befürchten waren. Man nahm politischen Veränderungsdruck aus der Gesellschaft nach dem "Brot und Spiele"-Motto.

Dennoch blieben die Oberstdorfer Passionsspiele nur eine kurze historische Episode. Nachdem die Oberstdorfer sich ihre Spiele erkämpft hatten, gerieten diese wieder in Vergessenheit.

Im benachbarten Walsertal ist schon für 1726 eine Prozession verzeichnet. Ein Oberstdorfer Passionsspiel soll erstmals 1775 über die Bühne gegangen sein. Über Form und Inhalt ist jedoch nichts bekannt.

Der Oberstdorfer Dekan Jäger sprach sich nach 1788 noch für ein Oberstdorfer Passionsspiel aus. Die Oberstdorfer besuchten nämlich in großen Scharen das Passionsspiel in Mittelberg und entzogen sich somit total der Kontrolle durch die Geistlichkeit in Oberstdorf. Diese Eingabe von Dekan Jäger blieb jedoch ohne Erfolg. Erst am 4. Februar 1796 durften sich die Oberstdorfer wieder über ein Passionsspiel freuen. Es ist nur so viel darüber bekannt, dass 15 Schauspieler die Bekehrung eines französischen Atheisten zum Katholiken inszenierten.

Noch im selben Jahr bat ein Vertreter der Oberstdorfer Bevölkerung den Landesherrn um die Genehmigung eines Passionsspiels. Dekan Jäger war nun strikt dagegen, „weil sie sonst in den Zech- und Wirtshäusern liegen und zechen und trinken, derweil das Sanktissimum [die Kirche] allein steht.“ Der Seelsorger konnte sich aber schon nicht mehr durchsetzen.

Am 12. und 13. April 1797 wurde auf dem Oberstdorfer Marktplatz die Leidensgeschichte Jesu gespielt. 170 Reiter sollen engagiert worden sein. Anscheinend ein großer Erfolg, denn bereits im Herbst desselben Jahres folgte ein weiteres Spiel: zwei verfeindete Prinzen, Martinez und Ramirez, versöhnten sich, da ein Kruzifix dem Martinez mit der Faust gedroht haben soll.

Dekan Jäger war erbost über das Passionsspiel in der Karwoche und machte seinem Ärger offensichtlich in einer Predigt Luft. Daraufhin seien im Pfarrhaus die Fenster eingeschlagen worden, beschwert sich der Dekan.

Offensichtlich erkannte der Seelsorger nun, dass der Druck aus der Bevölkerung nach Unterhaltung und Gewinnstreben einfach zu groß war und die weltliche Obrigkeit in der Folge der französischen Revolution nicht mehr uneingeschränkt hinter dem Klerus stand. Er schwenkte nun um auf eine Kompromisslinie und wollte Spielen zustimmen, wenn sie sich inhaltlich an dem gereimten Werk „Messias“ von Klopstock hielten, nur alle drei Jahre tagsüber stattfinden und die sich daran anschließenden Prozessionen mit Masken und provozierenden Figuren verboten würden. „Auf diese Art könnten einige Missbräuche verhindert werden ohne die abergläubischen, gewinn- und ehrsüchtigen Wünsche einiger lockerer und maschinenmäßiger Christen ganz zu verneinen,“ resümiert der klug abwägende Pfarrer.

Am 3. März 1798 erfolgte die Genehmigung, wobei die Wünsche des Pfarrers in Teilen berücksichtigt wurden. Nur dem Prozessionsverbot wollte die Behörde nicht zustimmen. Nach einer Aufführung erlosch dann aber das Interesse an Passionsspielen in Oberstdorf. Vielleicht war es den Oberstdorfern nur darum gegangen, sich gegen die Geistlichkeit durchzusetzen nach dem Motto: „Was verboten ist, macht uns erst richtig heiß.“

Aus: Geschichte des Marktes Oberstdorf von Heinrich Bernhard Zirkel und Werner Grundmann, Teil 3, 1976.

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